Jugend

Europa oder 90 Cheeseburger? - Ein Erfahrungsbericht
Erstellt am 22.04.2009 - AutorIn: Wenke Henschel

Wenke Henschel engagierte bei Jugendaktionstagen „Mobil in Europa – ich bin dabei!“. Ihr Erfahrungsbericht zeigt, wo es hakt.

Ein Schüler rechnete nach: 90 Euro, das sind 90 Cheeseburger. 90 Cheeseburger schienen ihm eine Menge und vor allem erstrebenswerter als die Mitgliedschaft Deutsch-lands in der EU zu sein. Ein skeptischer junger Blick auf die EU, der leider kein Einzelfall ist.

In den letzten Semesterferien habe ich für den Verein „Bürger Europas“ gearbeitet. Als ich einem Bekannten erzählte, dass ich dort unter anderem Aktionstage mitveranstalte, fragte er mich: „Ach Fasching und so?“. Nun, darum handelte es sich weniger. Ich begleitete als Referentin die Jugendaktionstage „Mobil in Europa – ich bin dabei!“ des Vereins „Bürger Europas“, die Schülerinnen und Schülern direkt an den Schulen das Thema Europa mit verschiedenen Seminaren näher bringen sollte. 

Ist die EU zu teuer?
Ein erster Knackpunkt war für viele Schüler, dass Deutschland an die EU zu viel bezahlen müsse. Sie benutzten den Begriff des „größten Nettozahlers“ und fragten: Wieso so viel zahlen und warum Deutschland am meisten? Dass die EU in Deutschland pro Einwohner im Jahr rund 90 Euro kostet, schien ihnen zwar zunächst  akzeptabel. Ein Schüler rechnete diese Summe jedoch in Cheeseburger um. 90 Cheeseburger schienen ihm eine Menge und vor allem erstrebenswerter als die Mitgliedschaft Deutschlands in der EU zu sein.

Vorteile der EU?
Aber was stellt man denn diesen 90 Hamburgern inklusive Käsescheibe gegenüber? Der Begriff  „Nettozahler“ beschreibt, dass die Beiträge, die Deutschland an die EU zahlt, höher ausfallen als die Summen, die beispielsweise zur Unterstützung von Bauern oder Regionen nach Deutschland zurückfließen. Aus Sicht des oben erwähnten Schülers ist dieser Nettobeitrag zu Lasten seiner Cheeseburger verloren. Aber das ist zu kurz gedacht. Ich versuchte die Schüler zu überzeugen, dass Deutschland natürlich von der Angleichung der wirtschaftlichen und sozialen Rahmenbedingungen innerhalb der EU und der besseren politischen Stabilität in Europa profitiert. Deutschland hat zudem aufgrund seiner Geschichte eine besondere Verantwortung für den Frieden in Europa. Ich verdeutlichte, dass Deutschland als größter Exporteur der EU schließlich auch großen direkten Nutzen aus dem Binnenmarkt zieht. Wenn die EU-Gelder beispielsweise nach Italien in ein Naturschutzprogramm für Bartgeier fließen, können deutsche Naturschützer dank der Freiheit des Dienstleistungsverkehrs vor Ort mitverdienen.

Warum Mitgliedschaft?
Die Schüler fanden die Vorteile, die sich aus der Mitgliedschaft in der EU ergeben, ganz nett. Ihre nächste Frage aber lautete: Warum Mitgliedschaft? Warum nicht einfach Vorteile aus der Sache ziehen, ohne zu bezahlen? Überzeugen konnte ich sie mit zwei Punkten: Dass es schwer ist, die Interessen des eigenen Landes zu vertreten, wenn es in den EU-Organen kein Stimmrecht hat und dass es wohl kaum eine EU mit einem Mitgliedstaat und 26 rosinenpickenden Partnern geben könne. Wenn alle die Beitragszahlungen vermeiden wollen, dann gibt es auch keine Vorteile mehr, die man trotzdem nutzen kann.

Offene Grenzen: Ein Problem?
Zweiter Knackpunkt schien für einige Schüler die Sicherheit im Schengenraum zu sein. Vielfach befürchteten die Schüler steigende Kriminalität durch die Öffnung der Grenzen und wünschten sich Gegenmaßnahmen der EU. Ich erläuterte ihnen die verschiedenen Maßnahmen der EU auf diesem Gebiet: die Einheit für justizielle Zusammenarbeit der Europäischen Union (Eurojust), die Europäische Polizeiakademie (CEPOL) sowie das Europäische Polizeiamt (Europol) dienen der Zusammenarbeit der EU-Mitgliedstaaten bei der Bekämpfung der internationalen organisierten Kriminalität. Ergänzt werden sie durch ein gemeinsames Konzept für Verbrechensverhütung, den Austausch über bewährte Praktiken, das Schengener Informationssystem und andere Ansätze. Außerdem konfrontierte ich sie damit, dass man natürlich nicht einfach davon ausgehen kann, dass die Kriminalität im Nachbarland höher ist als im eigenen.

Steuern auf SMS?
Ein dritter Kritikpunkt machte das Problem deutlich, auf das ich den Schulklassen immer wieder gestoßen bin. Ein Schüler beschwerte sich, dass er gehört habe, dass die EU Steuern auf SMS und Telefonate einführen wolle. Inwieweit das tatsächlich Ziel der EU sei und die Quelle seiner Information war nicht zu ergründen. Er meinte es zumindest zu wissen. Das ist das Problem. Viele Schüler hatten Negatives über die EU gehört. Inwieweit die EU unseren Alltag aber positiv beeinflusst, dass war weit außerhalb der Köpfe: Euro, Biosiegel, Kennzeichnung von Lebensmitteln, Strukturförderung, Klimaschutz, Mindeststandards für Trinkwasser, Gerätestandards, Reisefreiheit, gesunkene Roaming-Gebühren, ERASMUS, zwei Jahre Gewährleistungszeit für Konsumgüter, Europäische Versicherungskarte, Freizügigkeit des Arbeitnehmers und und und - EU-weit!

Die Chancen nutzen!
Natürlich ist auch in der EU nicht alles Gold, was glänzt. Es wird uns jedoch die Chance geboten, so manches in Gold zu verwandeln. Das Problem ist, dass viele scheinbar gar nicht wissen, welche Chancen geboten werden. Und da wären noch die Grenzen im Kopf: Bei vielen hört das Denken und die Solidarität an Deutschlands Grenzen auf.  Auch in Zukunft wird es sich aus diesem Grund wohl lohnen, weniger Fasching zu organisieren und eher zu zeigen, dass die EU mehr wert ist als 90 Cheeseburger im Jahr.

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*Die inhaltliche Verantwortung für die Beiträge zum „Jungen Blick auf Europa“ tragen die Autorinnen und Autoren. Die geäußerten Meinungen müssen nicht in jedem Fall der Meinung der Friedrich-Ebert-Stiftung entsprechen.

Kommentare (1)

05.05.2009, 09:00 Uhr
Aktionstag über die EU
Hallo Wenke,

wollte mich noch einmal bei dir für den aufschlussreichen Vortrag an meiner Schule bedanken:).
Liebe Grüße Nils


Autoreninfo

Wenke Henschel

Wenke Henschel
Wenke Henschel (*1988) studiert in Magdeburg European Studies. Sie engagiert sich für den Verein Bürger Europas in Berlin, für den sie unter anderem als Referentin tätig ist. Sie ist Stipendiatin der FES in der Grund-förderung.

 

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